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Einleitung.
In Anbetracht der enormen Verbreitung von HD bei
Hunden der verschiedensten Rassen, kommt die Frage auf, warum
ausgerechnet HD beim Hund ein so großes Problem darstellt, bzw.
warum die Ausgangssituation beim Malinois so ungleich viel günstiger
ist, als bei den meisten Rassen und wie sieht eine wirksame Bekämpfung
der HD für Rassehunde-Clubs sowie den Züchter aus.
Diese Abhandlung soll keine züchterische Patentlösung
anbieten, soll aber dem Züchter helfen, die genetischen Zusammenhänge
zu verstehen und die daraus resultierende Problematik zu erkennen.
Definition.(nach Prof. Dr. K. Loeffler )
Die Hüftgelenksdysplasie (HD) ist eine erblich
bedingte Fehlbildung des Hüftgelenks, bei der die Hüftgelenkpfanne
und der Oberschenkelkopf in ihrer Form nicht aufeinander abgestimmt
sind.
Die Fehlbildung kommt in unterschiedlich starken
Graden vor und kann sich in einer Formanomalie des
Oberschenkelkopfes oder der Hüftgelenkspfanne oder beider äußern
.Es gibt aber auch Fälle, die im Anfangsstadium vor allem dadurch
gekennzeichnet sind, daß der Gelenkschluß ungenügend ist, der
Oberschenkelkopf also nicht immer fest in der Hüftgelenkpfanne
liegt.
Die HD kann ein- oder beidseitig auftreten und
entwickelt sich in der Zeit von der Geburt bis zum Alter von 1 bis 1
½ Jahren. Sie kommt vor allem bei Hunden großer und mittelgroßer
Rassen vor.
Soweit die Definition nach Loeffler. Man muß,
zum besseren Verständnis, noch etwas über die Anatomie des Hüftgelenks
wissen.
Das Hüftgelenk ist ein Kugelgelenk. Der
Oberschenkelkopf sitzt tief und fest in der schalenförmigen
Gelenkpfanne. Das Hüftgelenk des Hundes ist ein dreiachsiges
Gelenk, d. h. es ist relativ frei nach allen Richtungen des Raumes
beweglich. Der Gelenkschluß wird vorwiegend durch den Tonus der
Muskeln sowie durch die Adhäsion der mit Gelenkschmiere
benetzten Gelenkflächen gewährleistet.
Das HD ein genetisch bedingtes Leiden ist, wissen
wir jetzt. Die Veranlagung zu ihrer Entstehung ist bereits bei der
Geburt vorhanden. Sie entwickelt sich allerdings erst während der
Wachstumsphase des Skeletts. In dieser Phase können Umwelteinflüsse
den Grad der Ausprägung der erblichen Veranlagung
beeinflussen. Hier wollen wir einen Moment verweilen und uns
diese Aussage genauer ansehen. Umwelteinflüsse können die Hüftgelenkentwicklung
positiv wie negativ beeinflussen. Unter Umweltfaktoren bezüglich
der HD versteht man alle äußeren Einflüsse die bis zur vollständigen
Ausreifung der Hüftgelenke auf ein Individuum einwirken.
Hinsichtlich der vorbeugenden Maßnahmen gegen
die HD, welche vom Züchter oder späteren Besitzer bezüglich
Umweltfaktoren selbst gestaltet werden können, ist die Möglichkeit
der Einflussnahme durch die Fütterung die weitaus wichtigste.
Untersuchungen in Schweden und den USA zeigten,
dass eine extreme Gewichtszunahme bei Tieren, die die genetische
Veranlagung zur HD haben, deutlich mit dem Auftreten der Erkrankung
gekoppelt waren, das heißt verstärkt HD aufgetreten ist. (KASTRÖM,1975)
Wie stark die Fütterung die Ausprägung von HD beeinflussen kann,
zeigt folgender Versuch an Wurfgeschwistern, die von HD behafteten
Eltern abstammen: Die Würfe wurden halbiert und in zwei
Welpengruppen unterteilt. Eine Welpengruppe wurde gleich nach einer
Woche von der Mutter abgesetzt und stark restriktiv mit einer
ausgewogenen Diät gefüttert. Ab dem dritten Lebensmonat durften
diese Welpen nach Belieben fressen. Die zweite Welpengruppe verblieb
beider Mutter und erhielt vom Beginn der Zufütterung die Möglichkeit,
beliebige Mengen zu fressen. Im Alter von 10 Monaten waren 75% der
Gruppe 1 HD- frei , während die Tiere der Gruppe 2 bereits mit 6
Monaten zu 90% positive HD-Befunde aufwiesen. Dies ändert natürlich
nichts an der genetischen HD-Belastung der HD -freien Tiere der
Gruppe 1, sie bleiben auch weiterhin Träger der HD verursachenden
Gene, zeigt uns aber, daß ein HD- freier Röntgenbefund noch keine
Absolution ist, und wie wir durch vernünftige Fütterung auch einen
genetisch HD belasteten Hund, evtl. gesund über sein ganzes Leben,
sogar auch im Sport, führen können. Diese Erkenntnisse deuten
darauf hin, dass eine korrekte Fütterung nicht unbedingt
gleichbedeutend ist mit einer Fütterung, die auf ein maximales Körperwachstum
abzielt. Viele Züchter sind der Meinung, nur mit einer maximalen
Futter- und Nährstoffaufnahme sei ein hinreichendes Größenwachstum
zu erzielen. Bei einer ausgewogenen Ernährung wird das gleiche
Ergebnis erreicht, nur etwas später, jedoch befindet sich dabei die
Muskelmasse und die Skelettreifung in besserem Einklang.(Meyer,1983)
Außerdem ist gerade die Größe eines Hundes ein Merkmal mit hoher
Heritabilität, d. h. die Größe ist in hohem Maße genetisch
vorbestimmt und sich nur äußerst geringfügig während des
Wachstums beeinflussen läßt. Ein Merkmal mit niedriger Heritabilität
ist das Gewicht. Das tatsächliche Gewicht eines Hundes hängt vor
allem von der täglichen Menge des Futters ab, ist also stark von
der Umwelt zu beeinflussen.
Dies zu Umwelteinflüssen auf die HD. Wir sehen,
diese Faktoren sind relativ einfach zu beherrschen, bringt uns aber
in der eigentlichen HD- Bekämpfung nicht weiter, da es sich bei HD
und man kann es nicht oft genug wiederholen, um ein erblich
bedingtes Leiden handelt. Die wirksamste Prophylaxe für die
Hundepopulation ist daher eine Eliminierung mit züchterischen
Mitteln. Da mehrere Genpaare an der Ausprägung des Merkmals HD
beteiligt sind, ( polygene Merkmale )gelten nicht die bekannten
Erbregeln nach MENDEL, sondern populationsgenetische Gesetzmäßigkeiten.
Vom Phänotyp (äußeres Erscheinungsbild) zeigt sich die HD als äußerst
komplexes Krankheitsbild, welches relativ einfach zu erkennen ist.
Vom Genotyp ( Summe der genetischen Informationen eines Individuum)
her präsentiert sich HD als polygenes Merkmal, das sich durch äußerst
kompliziertes Zusammenwirken von qualitativen und quantitativen
Schwellenwerteffekten, Wechselwirkungen sowie unterschiedlicher Umweltbeeinflussbarkeit
einer einfachen züchterischen Bekämpfung
entzieht. Dazu kommt die oft nur mangelnde Bereitschaft von Züchtern
und Besitzern, aus vorhandenen Untersuchungsergebnissen die
entsprechenden züchterischen Konsequenzen zu ziehen. Das Resultat
ist eine, inzwischen bei zahlreichen Rassen mehr oder weniger stark
verbreitete Erbkrankheit, die trotz teilweise intensiver Zuchtarbeit
der Verbände nicht richtig unter Kontrolle zu bringen ist. Ein
weiterer Grund dafür liegt wahrscheinlich auch in der speziellen
Konzeption der Hundezucht. Verglichen mit der Zucht
landwirtschaftlicher Nutztiere, bei denen eine bestimmte
Produktionsleistung im Mittelpunkt der Zuchtarbeit steht, wurde beim
Hund, mit wenigen Ausnahmen, (Windhunde, Malinois, doch dazu später)
vor allem der Rassestandart als Selektionsgrundlage herangezogen.
Eines ist aber allen Rassestandarts gemeinsam: Der Standart bezieht
sich vor allem auf Exterieurmerkmale. Beurteilt werden Größe,
Haarfarbe, Haarlänge, Augenform, Rute, Ohrenform, Kopfform, etc.
Bezug auf Funktionalität wird allenfalls bei der Beurteilung der
Gelenkwinkel und Extremitätenstellung genommen, wobei die
Gewichtung dieser Merkmale im Rahmen der Gesamtbewertung rasseabhängig
der Richtermeinung überlassen bleibt. Es stellt sich also die
Frage, ob nicht die allzu einseitige Selektion nach
Standartmerkmalen die Disposition zu Funktionsstörungen begünstigt.
Ein Beispiel: Die HD hat ihre größte Verbreitung bei großen
Hunderassen. Bei diesen Rassen hat sich nicht nur durch Selektion
das durchschnittliche Körpergewicht erhöht, gleichzeitig kam es in
vielen Fällen zu einer nicht direkt beabsichtigten genetisch
bedingten Beschleunigung des Jugendwachstums. Die Beschleunigung des
Jugendwachstums bringt aber Probleme mit sich. Da nicht alle Körpergewebe
gleich schnell wachsen, (manche halten sich einfach strikt an den
Fahrplan der Natur) wirkt sich eine züchterisch bedingte
Beschleunigung auch nicht in gleichem Ausmaß auf die verschiedenen
Gewebe aus. So wachsen z. B. Knochen und Sehnen wesentlich langsamer
als Muskeln und Fettgewebe. Das beschleunigte Wachstum wirkt sich
somit in wesentlich größerem Ausmaß auf Muskulatur und Fettgewebe
aus als auf das Skelett. Die Folge ist, dass das wachsende Skelett
einer wesentlich größeren Belastung ausgesetzt ist, als der natürlichen
Entwicklung entspricht. Hinzu kommt dann noch reichliche Fütterung,
die die meisten Hundebesitzer gerade dem jungen Hund zukommen lassen
und das wachsende Knorpel-, Knochen-, und Sehnengewebe ist überlastet
und gibt dem unphysiologischen Druck nach. Resultat dieser gestörten
Wachstumsharmonie ist ein Skelett mit Abweichungen in der normalen
Ausbildung von Knochen und Gelenken.
Nun könnte man davon ausgehen, durch eine
Verringerung der Wachstumsgeschwindigkeit könnte man das Problem HD
in den Griff bekommen. Leider ist aber das Krankheitsgeschehen der
HD klinisch, pathologisch und genetisch wesentlich komplexer und die
Verringerung der Wachstumsgeschwindigkeit allein sicher kein
Patentrezept im züchterischem Kampf gegen die HD.
Das auch die fehlende Leistungsselektion bei den
meisten Rassen die Verbreitung der HD begünstigt, sei hier an zwei
Beispielen demonstriert:
1)Windhunde – grundsätzlich leichter
gebaut als Hunde anderer Rassen und damit auch weniger einer
Belastung des Hüftgelenks ausgesetzt – werden im allgemeinen
nicht nur nach ihrem Exterieur, sondern vor allem nach ihrer
Rennleistung selektiert. Windhunde, die nicht HD- frei sind, können
keine entsprechenden Rennleistungen bringen. Sie werden daher auch
nicht oder nur sehr selten zur Zucht verwendet. Damit findet bei
Windhunden automatisch eine Selektion gegen HD statt, die sich in
einer wesentlich geringeren Verbreitung der HD bei Windhunden im
Vergleich mit anderen Rassen manifestiert.
2)Der Malinois – Ursprungsland Belgien.
Seit einhundert Jahren wird der Malinois, der ursprünglich ein
Herdengebrauchshund ist, in Belgien für den Ringsport verwendet.
Der Ringsport stellt an die Anatomie eines Hundes deutlich höhere
Anforderungen, als wir es von unserm SchH Sport kennen. Der
Weitsprung war bis vor 15 Jahren noch 5m weit, die Wand 2,50 m hoch,
steil, ohne Kletterleisten, die Hürde 1,30 m hoch. Ich habe persönlich
reine Hochsprungwettbewerbe in Belgien gesehen, wo der Sieger 3,80 m
die glatte Wand gesprungen ist. Es waren nur Malinois am Start. Die
Sprünge sind also im Ringsport (auch im franz. Ring) ein
wesentliches Element dieser Prüfung. Ein Hund, der HD belastet ist,
und deshalb zwangsläufig dieser hohen Sprungbelastung nicht
gewachsen war, konnte auf Prüfungen auch nur hintere Plätze
belegen. Zur Zucht eingesetzt wurden natürlich, wie bei jeder
Gebrauchshunderasse, nur Hunde, die auf den Prüfungen und
Championat vordere Plätze belegten. In der Regel wurden und werden
auch noch heute, Hunde die ihre Sprungleistung nicht gebracht haben
an Liebhaber abgegeben und verschwanden aus der Szene. Hier fand, ähnlich
wie bei den Windhunden, eine Selektion statt, die die günstige
Situation des Malinois bezüglich der HD in Vergleich zu anderen
Gebrauchshunderassen mit begründet.
Für die Zukunft müssen wir aber berücksichtigen,
das uns dieses Werkzeug nicht zur Verfügung steht, da der SchH
Sport an unsere Hunde kaum körperliche Anforderungen stellt und der
Ringsport vom VDH unverständlicher Weise in Deutschland blockiert
wird..
So gesehen wäre bei allen betroffenen Rassen
eine Leistungsselektion im Sinne einer standardisierten Belastung
– wie sie beim Windhund das Rennen und beim Malinois der Ringsport
darstellt – eine weitere Hilfe im züchterischem Kampf gegen die
HD.
Um nun aber alle genetischen und züchterischen
Aspekte der HD zu verstehen, müssen wir uns ein wenig mit den
Grundlagen der Genetik vertraut machen.
Die Weitergabe von Merkmalen von Eltern an die
Nachkommen kann nur dann erfolgen, wenn die betreffenden Merkmale im
Genotyp der Eltern verankert sind. Der Phänotyp spielt hierbei
keine Rolle, denn, auf eine einfache Formel gebracht, gilt:
Phänotyp = Genotyp + Umwelt
Der jeweils erfassbare prozentuale Anteil an der
phänotypischen Ausprägung eines Merkmals wird, wie schon erwähnt,
als Heritabilität bezeichnet, Bei Merkmalen mit hoher Heritabilität
ist für den Phänotyp vor allem der Genotyp verantwortlich, die
Umwelt kann nur geringfügig modifizieren. Bei Merkmalen mit
niedriger Heritabilität ergibt sich die phänotypische Ausprägung
vor allem durch Umwelteinflüsse.
Hier ein kurzer Überblick über die Heritabilität
verschiedener Merkmale ( Dr. I. Stur ):
Hohe Heritabilität: Exterieurmerkmale (Größe, Farbe,
Haarlänge, Gelenkwinkelungen,
Ohrenform, Augenform- und Farbe, etc. )
Mittlere Heritabilität: Leistungsmerkmale
( Jagdleistungen, Rennleistung, Milchleistung,
Leistungen im Gebrauchshundesport, Hüteleistung etc.
)
Niedrige Heritabilität: Vitalitätsmerkmale
(Gewicht, Fruchtbarkeit, Langlebigkeit,
Krankheitsresistenz etc. )
Die Ausbildung von Hüftgelenken beim Hund gehört
zu den Merkmalen, die sich grundsätzlich erfolgreich züchterisch
bearbeiten lassen. Wieso tun wir uns trotzdem damit so schwer? Dazu
müssen wir noch etwas tiefer in die Grundlagen der Genetik gehen,
wenn auch in vereinfachter Form. Wir müssen wissen: Jede Zelle
besteht aus Zellmembran, Zellplasma mit Zellorganellen und dem
Zellkern. Der Zellkern enthält Chromosomen, die Träger der
genetischen Information sind. Grundsubstanz der Chromosomen ist die
DNS (Desoxyribonukleinsäure). Die DNS liegt im Zellkern als
Doppelstrang vor. Uns soll genügen, daß sich in den Chromosomen
die Buchstaben eines 20teiligen Alphabets befinden, wobei jeder
Buchstabe die Codebezeichnung für eine von 20 verschiedenen Aminosäuren
ist. Die Aufeinanderfolge von Buchstaben codiert somit die
Aufeinanderfolge von Aminosäuren, die im Organismus als Bausteine
von Proteinen fungieren. Diese Buchstabenfolge des genetischen Codes
gibt somit die Aufbauanweisung (das Rezept) für die Proteine an. Die
eigentliche Genwirkung ist somit nichts weiter, als die Produktion
bestimmter Proteine. Proteine haben im Organismus zwei
Hauptaufgaben zu erfüllen:
Als Strukturproteine sind sie Hauptbestandteil von Geweben u.
Organen.
Als Enzyme sind sie an sämtlichen Stoffwechselreaktionen
beteiligt, die für die Lebensfunktionen eines Organismus
verantwortlich sind.
Von diesem Wissen ausgehend können wir uns nun den genetischen
Einfluss auf die Ausbildung von Hüftgelenken vor Augen halten und
es lassen sich folgende Einflüsse abschätzen:
gencodierte Proteine sind Bausteine des Gelenkknorpels, der Bänder,
Sehnen, Muskeln, der Gelenkkapsel, der Gelenkflüssigkeit etc.,
gencodierte Enzyme steuern Auf- und Umbauprozesse sowie
Funktionsprozesse im Knochen-, Knorpel-, Muskel-,
Bindegewebsstoffwechsel,
gencodierte Proteine und Enzyme steuern Wachstumsprozesse des
Gesamtorganismus, die wiederum die Entwicklung und Funktion des Hüftgelenks
beeinflussen,
gencodierte Proteine steuern Verhaltensweisen, die ihrerseits
die Entwicklung und die Funktion des Hüftgelenks beeinflussen.
Dies ist Basis Wissen, dass man sich unbedingt
vor Augen halten sollte, wenn man daran interessiert ist, selbst Maßnahmen
zur HD Bekämpfung zu ergreifen, bzw. den Werdegang von HD verstehen
will.
In jedem dieser o.a. Genwirkungskomplexe kann es
nun durch Mutationen zu Störungen kommen.
Unter Mutation versteht man jede Veränderung der
genetischen Information, wobei diese Veränderung im Verlust oder im
Austausch von Buchstaben des genetischen Codes bestehen kann, der
die Aufbauanweisung für bestimmte Proteine gibt. (Das Rezept wird
verändert) Proteine, die auf Grund solcher veränderter Codes
produziert werden, haben eine andere Wirkung als das Orginalprotein
oder zeigen überhaupt keine spezifische Wirkung.
Ein Beispiel:
Wenn wir bei dem Wort „Konstruktion" nur
wenige Buchstaben austauschen, entsteht das Wort
„Destruktion", also ein gegenteiliger Begriff, oder wird
unlesbar, bzw. bedeutungslos, wenn durch den Verlust weniger
Buchstaben nur der Begriff „struktion" übrigbleibt.
Ähnlich wirken sich Mutationen im genetischen
Alphabet aus: Änderungen des genetischen Codes führen zum Aufbau
von Proteinen mit geänderter Struktur und damit geänderter
Funktion oder zum Aufbau von „Nonsens" Proteinen, die überhaupt
keine Wirkung mehr haben.
Findet nun z. B. eine Mutation in einem
Genkomplex statt, dessen Produkte für den Aufbau von
Knochensubstanz verantwortlich sind, dann wird der Aufbau von
Knochensubstanz entweder eingeschränkt oder überhaupt nicht
stattfinden.
Um es auf einen Nenner zu bringen:
Die röntgenologisch bzw. klinisch erkennbare Hüftgelenksdysplasie
ergibt sich aus dem Zusammenwirken von Defektproteinen, die von
durch Mutation entstandenen Defektgenen codiert werden .
Jetzt haben wir aber noch das Problem, daß nicht
alle Tiere, die durch Mutation entstandene Defektgene in einem oder
mehreren der für die Ausbildung des Hüftgelenks verantwortlichen
Genkomplexe tragen, auch klinisch oder röntgenologisch (das heißt
auch phänotypisch) das Bild der HD zeigen. Der Grund dafür ergibt
sich aus zwei Fakten:
Defektgene zeigen meist rezessive Genwirkung. Tiere, die
heterozygot sind, also sowohl ein Normalgen als auch ein Defektgen
tragen, zeigen phänotypisch keinen Defekt, weisen also bei einer
Röntgenuntersuchung keine HD vor.
Erst das gleichzeitige Auftreten verschiedener Defektgene in
verschiedenen Genkomplexen, die für die Ausbildung des Hüftgelenks
verantwortlich sind, führt zum phänotypischem Bild der HD. Sind
in einem Genkomplex nur wenige Defektgene vorhanden, oder ist nur
ein einzelner Genkomplex mit Defektgenen besetzt, kommt es
ebenfalls zu keiner phänotypischen Veränderung.
Was können wir nun mit diesem Wissen anfangen?
Dr. I. Stur vom Institut für Tierzucht und
Genetik der Veterinärmedizinischen Universität Wien stellt uns nun
folgendes, wissenschaftlich weltweit akzeptiertes Denkmodell zur
Verfügung um diese Zusammenhänge zu veranschaulichen:
Wie schon gesagt, sind es mehrere Genkomplexe,
die für die Ausprägung des Hüftgelenks verantwortlich sind. Für
ihr Denkmodell beschränkt STUR sich auf fünf Hauptkomplexe und
bezeichnet diese folgendermaßen:
Genkomplex A: verantwortlich für die Ausbildung der knöchernen
Bestandteile des Hüftgelenks
(Hüftgelenkpfanne, Oberschenkelkopf)
Genkomplex B: verantwortlich für die Sehnen und Bänder des
Hüftgelenks
Genkomplex C: verantwortlich für die knorpeligen
Bestandteile des Hüftgelenks
Genkomplex D: verantwortlich für die Ausbildung der hüftgelenksnahen
Muskulatur
Genkomplex D: verantwortlich für die Winkelung der
Hinterhand.
Jeder der genannten Genkomplexe umfaßt eine
unterschiedlich Anzahl verschiedener Genloki, die sich in ihrer
Wirkung gegenseitig verstärken und die jeweils mit Normalgenen oder
mit Defektgenen besetzt sein können. jetzt gehen wir davon
aus, daß in jedem einzelnen Genkomplex (Genkomplex A, Genkomplex B
etc.) fünf Genloki für die unterschiedliche phänotypische
Stärke der Ausprägung verantwortlich ist.
Bezeichnen wir ein gesundes Gen mit Großbuchstaben,(A1,
B1, C1 etc.) ein geschädigtes, also krankes, rezessives Defektgen
mit kleinen Buchstaben.(a1, b1, c1 etc.)Betrachten wir jetzt zum
Beispiel den Genkomplex A, den wir als verantwortlich für die
Ausbildung der knöchernen Bestandteile des Hüftgelenks bezeichnen.
Hier finden wir folgende mögliche Genloki:
A1 mit dem Allelen A1 (dominantes Normalgen) und a1
(rezessives Defektgen)
A2 mit dem Allelen A2 (dominantes Normalgen) und a2
(rezessives Defektgen)
A3 mit dem Allelen A3 (dominantes Normalgen) und a3
(rezessives Defektgen)
A4 mit dem Allelen A4 (dominantes Normalgen) und a4
(rezessives Defektgen)
A5 mit dem Allelen A5 (dominantes Normalgen) und a5
(rezessives Defektgen)
Denken wir daran, das ein Defektgen auf einem Genloki 2 Mal
vorhanden sein muß, um auch phänotypisch eine Schadwirkung
verursachen zu können. Also z.B. a1
a1
Wenn ein Defektgen mit einem gesunden und damit dominanten
Normalgen auf einem Genloki liegt, zeigt es keine phänotypische
Schadwirkung, ist nicht röntgenologisch nachweisbar. Also z.B. A1
a1
Damit ein Genkomplex eine Schadwirkung ausüben
kann, muss innerhalb dieses Genkomplexes ein gewisser Schwellenwert
überschritten werden. Gehen wir davon aus, dass dieser
Schwellenwert bei zwei mit Defektgenen
besetzten Genloki liegt, würde sich z.B. in Bezug auf Genkomplex A
folgende Möglichkeiten ergeben:
Genotyp
Schadwirkung
A1 A2 A3 A4 A5
keine Schadwirkung
A1 A2 A3 A4 A5
oder
A1 A2 A3 A4 a5
keine Schadwirkung
A1 A2 A3 A4 a5
oder
A1 A2 A3 a4 a5
keine Schadwirkung
A1 A2 A3 a4 a5
oder
A1 A2 a3 a4 a5
leichte Schadwirkung
A1 A2 a3 a4 a5
oder
A1 a2 a3 a4 a5
mittlere Schadwirkung
A1 a2 a3 a4 a5
oder
a1 a2 a3 a4 a5
schwere Schadwirkung
a1 a2 a3 a4 a5
Zu beachten ist des weiteren, daß die phänotypische
Schadwirkung z.B. folgender Genotypen identisch ist:
A1 A2 a3 a4 a5
A1 A2 a3 a4 a5
I
gleiche Schadwirkung wie
I
A1 A2 a3 a4 a5
a1 a2 a3 a4 a5
In beiden Fällen eine phänotypische mittlere
Schadwirkung.
Vergessen Sie auch nicht und halten Sie es sich immer vor Augen,
bei:
A1 A2 A3 a4 a5
a1 a2 a3 a4 a5
ist keine Schadwirkung erkennbar, obwohl der Hund Träger von
vielen Defektgenen ist, ergibt die röntgenologische Untersuchung phänotypisch
ohne Schadwirkung.
Für die anderen vier Genkomplexe (Genkomplex B,
Genkomplex C, etc.) gelten grundsätzlich wieder die gleichen Überlegungen
wie für den Genkomplex A.
Nun genügt aber die Schadwirkung eines einzelnen
Genkomplexes noch nicht, um das phänotypische Bild der HD
hervorzurufen. Auch in bezug auf alle beteiligten Genkomplexe muß
wieder ein bestimmter Schwellenwert überschritten werden, um tatsächlich
zum klinischen, bzw. röntgenologischen Bild der HD zu führen.
Nehmen wir wiederum an, daß der Schwellenwert bei zwei Genkomplexen
mit Schadwirkung liegt und lassen wir vorläufig die Varianz der
Schadwirkung in den einzelnen Genkomplexen außer acht. Es ergibt
sich somit folgende Situation:
Genkomplex Schadwirkung HD
A keine
B keine
C keine
frei
D keine
E keine
A ja
B keine
C keine
frei
D keine
E keine
A ja
B ja
C keine
frei
D keine
E keine
A ja
B ja
C ja
leicht
D keine
E keine
A ja
B ja
C ja
mittel
D ja
E keine
A ja
B ja
C ja
schwer
D ja
E ja
:
Grundsätzlich ist auch hier anzunehmen, daß die
Schadwirkung der einzelnen Genkomplexe positionsneutral ist.
Sicherlich ist aber der Anteil einzelner Genkomplexe an der
Gesamtschadwirkung unterschiedlich groß. So ist davon aus zugehen,
daß sich im Genkomplex A (Ausbildung der knöchernen Bestandteile
des Hüftgelenks) eine vorhandene Schadwirkung stärker auf das
Gesamtbild der HD auswirkt, als eine Schadwirkung im Genkomplex E
(Winkelung der Hinterhand).
Selbstverständlich wird das Gesamtbild der HD
auch modifiziert durch die unterschiedliche Schwere einer
Schadwirkung innerhalb der einzelnen Genkomplexe, so daß z.B.
schwere Schadwirkungen in zwei Genkomplexen sich phänotypisch ähnlich
auswirken wie leichte Schadwirkungen in vier Genkomplexen.
Doz. Dr. STUR weißt ausdrücklich darauf hin, daß
man sich im klaren darüber sein soll, das daß von ihr präsentierte
Denkmodell zwar die grundsätzlichen Zusammenhänge erklärt, daß
diese aber tatsächlich noch wesentlich komplexer sind.
Im Rahmen der praktischen Zuchtarbeit ergeben
sich aus den dargestellten Zusammenhängen nun einige Probleme,
selbst wenn nur mit phänotypisch HD–freien Tieren gezüchtet
wird, was aber meines Wissens kein Rassezuchtverband bisher macht.
Schauen wir uns wieder nur einen einzelnen Genkomplex an. Es könnte
sich z.B. folgendes Bild ergeben
Genotyp Vater
Genotyp Mutter
A1 A2 A3 a4 a5
a1 a2 A3 A4 A5
a1 a2 a3 a4 a5
a1 a2 a3 a4 a5
keine Schadwirkung keine Schadwirkung
Genotyp Nachkomme
a1 a2 A3 a4 a5
a1 a2 a3 a4 a5
mittlere Schadwirkung
In diesem Falle hätte der Nachkomme zufällig
von seinen phänotypisch gesunden aber genotypisch
belasteten Eltern soviel Gendefekte geerbt, daß in bezug auf
den Genkomplex A eine phänotypische Schadwirkung auftritt. Diese
Genkombination beim Nachkommen ist natürlich nur eine von vielen möglichen,
führt aber dazu und dies ist wichtig zu wissen, daß Eltern,
deren Genotyp geschädigt ist, aber den Schwellenwert zur phänotypischen
Schadwirkung noch nicht überschritten haben, somit röntgenologisch
HD-frei sind, Nachkommen produzieren können, deren Genotyp bereits
im Bereich von phänotypischen Schadwirkung liegt, daß heißt, das
die HD bei diesem Nachkommen auch röntgenologisch nachweisbar ist.
Bei betrachten aller fünf Genkomplexe könnte sich folgende
Situation ergeben:
Vater
Mutter
Genkomplex
Schadwirkung HD
Genkomplex Schadwirkung
HD
A
keine
a
ja
B
keine
b
ja
C
keine
FREI
C
keine
FREI
d
ja
D
keine
e
ja
E
keine
Nachkomme
Genkomplex
Schadwirkung
HD
a
ja
a
ja
C
keine
mittlere
d
ja
e
ja
Im Extremfall könnte sich auch folgendes Bild ergeben :
Vater
Mutter
Genkomplex
Schadwirkung HD
Genkomplex Schadwirkung
HD
A
keine
A
keine
B
keine
B
keine
C
keine
FREI
C
keine
FREI
D
keine
D
keine
E
keine
E
keine
Nachkomme
Genkomplex
Schadwirkung HD
a
ja
b
ja
c
ja
schwere
d
ja
e
ja
In diesem Fall liegen bei den Eltern die
Schadwirkung der einzelnen Genkomplexe immer knapp unter dem
Schwellenwert, der eine phänotypische HD verursachen würde, die
Eltern röntgenologisch also als HD-frei gelten.
Der Nachkommen hat in diesem Falle zufällig alle
Defektgene geerbt und weißt phänotypisch und röntgenologisch
schwere HD auf.
So kompliziert diese Überlegungen erscheinen,
sind sie doch notwendig, um eine wesentliche Schlußfolgerung zu
ziehen:
„Die klinische und röntgenologische
HD-Freiheit der Zuchttiere allein ist keine Garantie für
HD-Freiheit ihrer Nachkommen."
Dies muß man sich immer wieder vor Augen halten.
Eine weiter Komplikation bei der züchterischen
Bekämpfung der HD ergibt sich aus der Tatsache, dass die Ausbildung
des Hüftgelenks nicht allein auf genetischen Faktoren beruht. Wie
im Vorfeld schon beschrieben, beeinflusst auch die Umwelt durch
verschiedene Faktoren die Entwicklung des Hüftgelenks. So kann die
Ausprägung des Hüftgelenks durch Menge und Zusammensetzung des
Futters, durch Bewegung allein oder mit Spielkameraden, durch
Aufenthalt hauptsächlich im Freien oder in der Wohnung etc.
entscheidend beeinflusst werden.
Es ist somit durchaus möglich,
dass Tiere, die
genetisch gesehen sowohl quantitativ als auch qualitativ mit ihrer
Defektgen -ausstattung über dem Schwellenwert liegen, niemals
das phänotypische Bild einer HD zeigen, wenn sie unter, in
Bezug auf HD - optimalen Umweltbedingungen aufwachsen.
Wie wir schon erfahren haben ist
populationsgenetisch die Ausbildung des Hüftgelenks den Merkmalen
mit mittlerer Heritabilität zuzuordnen. Das bedeutet, dass nur
mit etwa 50%iger Sicherheit der Genotyp aus dem Phänotyp erkennbar
ist.
50% des Genotyps können also, abgesehen von den
schon erwähnten Dominanz- und Schwellenwerteffekten, durch
Umwelteinflüsse modifiziert und damit verschleiert werden.
In diesem Zusammenhang könnte eine ,wie schon
erwähnt, standardisierte Belastungsprüfung helfen, den Einfluß
verschleiernder Umwelteinflüsse zu kompensieren und damit die
genetische Veranlagung des Einzeltieres transparenter zu machen.
Wichtig ist nur, dass alle Hunde einer Population unter gleichen
Bedingungen geprüft werden.
Ein weiteres Problem, einen genauen Heritabilitätswert
der HD zu ermitteln, der eine Aussage über die genetische HD
Freiheit von Tieren, die phänotypisch HD frei sind, ist die
Unvollständigkeit der zur Verfügung stehenden Daten. Der relative
Anteil HD-freier Nachkommen bei verschiedenen Paarungskombinationen
kann nur dann ermittelt werden, wenn von allen Nachkommen
vergleichbare Untersuchungsergebnisse zur Verfügung stehen. Gerade
in der Hundezucht ist eine solche Situation aber so gut wie nie
gegeben, da nach dem Verkauf der Welpen diese meist weit verstreut
sind und die neuen Besitzer selten vollständig zu den notwendigen
Untersuchungen motiviert werden können.
Besonders Junghunde, die schon früh klinische
Symptome einer HD zeigen, werden erst gar nicht zur offiziellen röntgenologischen
Untersuchung vorgestellt.
Auch Geschwister solcher Hunde oder Geschwister
von röntgenologisch als nicht HD – frei diagnostizierten Hunden
werden oft nicht untersucht, so dass die tatsächlich zu einer
Untersuchung kommenden Hunde eigentlich nur eine vorselektierte
Stichprobe der gesamten Nachkommenschaft darstellen.
Dadurch müssen wir von folgender Annahme
ausgehen: Die tatsächliche HD – Situation einer Rasse ist
deutlich schlechter, als die, die von den Rassezuchtvereinen
publiziert wird.
Eine weitere Fehlerquelle ergibt sich aus der
Problematik der Erstellung und Interpretation der Röntgenbefunde.
Die Durchführung der Röntgenuntersuchung ist vom
populationsgenetischen Standpunkt als Umwelteinfluss einzuordnen.
Es gilt damit für die Röntgenuntersuchung
dasselbe wie für Umwelteinflüsse allgemein: Nur wenn alle Hunde
unter genau den gleichen Bedingungen untersucht werden, kommt es zu
keiner Verfälschung der genetischen Unterschiede zwischen den
Hunden durch die Untersuchung.
Es kann daher die Bedeutung einer möglichst
objektivierbaren und standardisierten Untersuchungstechnik nicht
wichtig genug eingeschätzt werden.
Jede Ungenauigkeit in der individuellen
Untersuchung verstärkt die Verschleierung der genetischen Grundlage
eines HD – Befundes.
Vom populationsgenetischen Standpunkt her wäre
das Optimum eine Untersuchung aller Hunde einer Zuchtpopulation
durch eine einzige Untersuchungsstelle, durch einen einzigen
Untersucher und immer dem selben Gerät.
Da diese Forderung natürlich in der Praxis
undurchführbar ist, wäre es unbedingt erforderlich, dass die
unterschiedlichen Untersucher ihre Techniken immer wieder
aufeinander abstimmen und dass vor allem wirklich jeder Untersucher
die Befundung möglichst objektiv und unbeeinflusst durchführt.
Welche züchterische Maßnahmen sind nun
notwendig und effektiv ?
Die züchterische Mindestanforderung ist
die HD Untersuchung aller zur Zucht vorgesehenen Hunde, wobei nur
bei einer möglichst objektiven Beurteilung ein maximal möglicher
Anteil der genetisch belasteten Tiere entdeckt wird.
Die Untersuchung der Zuchttiere ist aber nur dann
sinnvoll, wenn auch die züchterischen Konsequenzen gezogen werden
und Tiere, die nicht HD–frei sind, nicht zur Zucht verwendet
werden. Dies gilt vor allen Dingen für Rassen, die schon deutlich
HD belastet sind.
Da man über die Untersuchung der Zuchttiere
allein aber nur einen relativen Anteil der genetisch belasteten
Tiere findet, ist es mit Hilfe der röntgenologischen Untersuchung
der Zuchttiere allein nicht möglich, alle genetisch belasteten
Tiere zu finden und aus der Zucht zu eliminieren. Somit ist der Zuchtausschluss
von nicht HD–freien Tieren allein auch noch keine
Maßnahme, die effektiv genug ist, um das Problem der HD wirklich in
den Griff zu bekommen.
„Da nur der Phänotyp der Nachkommen eine
Aussage über die tatsächliche genetische Belastung der Zuchttiere
zuläßt, bringt eine züchterische Bekämpfung der HD nur dann den
optimalen Erfolg, wenn auch die Befunde der Nachkommen als
Selektionsgrundlage für die Eltern herangezogen werden." (I.
STUR)
Dieser Forderung von STUR liegt folgende Überlegung
zu Grunde:
Tiere, die phänotypisch das Bild von HD zeigen,
sind in jedem Fall als Träger von Defektgenen anzusehen, da eine phänotypische
Manifestation des Defektes nur möglich ist, wenn Defektgene in
einer Anzahl vorhanden sind, die die qualitativen und quantitativen
Schwellenwerte überschreiten.
Da jedes Tier die Hälfte seiner genetischen
Informationen vom Vater und die andere Hälfte von der Mutter
bezieht, sind somit beide Elternteile – auch wenn sie selber phänotypisch
HD – frei sind – als sichere Träger von Defektgenen erkannt.
Selbstverständlich sind auch HD–freie Geschwister von nicht
HD–freien Tieren mit großer Wahrscheinlichkeit als Defektgenträger
anzusehen, da sie zumindest teilweise gleiche Gene tragen, wie ihre
nicht HD–freien Geschwister.
Verwendet man daher Eltern oder Geschwister von
nicht HD- freien Tieren zur Zucht, dann ist die Wahrscheinlichkeit,
daß diese Zuchttiere (obwohl selbst phänotypisch und röntgenologisch
HD – frei), Defektgene tragen, bei den Eltern 100% und bei den
Geschwistern nur knapp unter 100%.
Daraus folgt:
Der züchterische Einsatz von Verwandten nicht
HD–freier Tiere ist somit genau genommen als bewußte züchterische
Verwendung von Defektgenträgern anzusehen.
Der praktische Ablauf einer Selektion gegen HD in
einer Hundepopulation sollte daher folgendermaßen aussehen:
Selektionsschritt: Untersuchung aller
Zuchttiere und Zuchtausschluss aller nicht HD –freien
Tiere
Selektionsschritt: Untersuchung aller
Nachkommen und Zuchtausschluss derjenigen Elterntiere mitsamt
allen ihren Geschwistern und Nachkommen, die nicht ausschließlich
HD – freie Nachkommen produziert haben. Davon betroffen sind
auch Nachkommen, die selbst phänotypisch und röntgenologisch
HD-frei sind, deren Geschwister aber phänotypische HD aufweisen.
Wenn man diese Schritte konsequent durchführt,
kann man – mit einer populationsspezifischen Fehlerquote – davon
ausgehen, dass nur genetisch unbelastete Tiere zur Zucht verwendet
werden. In diesem Fall werden von der Elterngeneration keine
Defektgene an die nächste Generation weitergegeben – die nächste
Generation ist daher genetisch und phänotypisch defektfrei. Mit
dieser Methode könnte man also – unter der Voraussetzung, daß
dann überhaupt noch genügend Tiere für die Zucht zur Verfügung
stehen – innerhalb einer einzigen Generation theoretisch die
Population sanieren.
Leider lässt sich diese theoretisch optimale
Vorgangsweise kaum in die Praxis umsetzen. Gerade in der Hundezucht
gibt es eine Reihe von Faktoren, die eine wirklich effektive
Selektion in jeder Hinsicht unmöglich macht. Da die Hundezucht nun
einmal in privater Hand ist, werden die tatsächlichen züchterischen
Entscheidungen vom jeweiligen Einzelzüchter getroffen, der
normalerweise nur ein oder zwei Hunde hat. Selbst der einsichtige
und korrekte Züchter tut sich mit einer negativen
Selektionsentscheidung schwer, wenn z. B. sein Tier, welches selber
HD – frei ist, wegen der Tatsache, das ein Bruder oder eine
Schwester seines Hundes HD behaftet sind, nun ebenfalls für die
Zucht gesperrt werden soll. Der Einzelzüchter kann seinen nicht
zuchttauglichen Hund nur entweder abschaffen, eine Entscheidung die
oft sehr schwer fällt, oder er muss für die Lebensdauer seines
Tieres auf jede züchterische Tätigkeit verzichten.
Die logische Konsequenz aus dieser Problematik
ist die Verwendung von Hunden zur Zucht, die nicht für die Zucht
geeignet sind. So menschlich verständlich diese Vorgangsweise ist,
so hat sie doch katastrophale züchterische Konsequenzen. Nicht nur,
dass eine effektive züchterische Bekämpfung der HD damit
ausgeschlossen ist, sondern es werden darüber hinaus mit dieser
Zuchtpraxis die vorhandenen Defektgene noch weiter in der Population
verteilt. Die Folge ist eine Anhäufung der Defektgene in der
Population, die zu einer Anhäufung von nicht HD–freien Hunden führt.
Die traurigen Konsequenzen sind bereits in vielen Hundepopulationen
offenkundig: Tiere mit HD kommen in einer so großen Häufigkeit
vor, dass jede scharfe Selektion dagegen unmöglich ist, wenn man
nicht die Rasse endgültig zum Aussterben verurteilen will.
Die notwendige Antwort der Zuchtverbände auf
eine solche Situation ist die Zuchtzulassung von Tieren mit leichter
oder sogar mittlerer HD; und auch wenn solche Tiere nur mit
HD–freien Partnern gepaart werden dürfen, ist eine solche Maßnahme
züchterisch gesehen als Resignation aufzufassen, die die
Bereitschaft dokumentiert, kranke Tiere zu züchten und zu halten.
Wir haben die effektivste und beste Methode der
HD Bekämpfung kennengelernt und festgestellt, das diese kaum durchführbar
ist.
Wenn man die beste Methode nicht durchführen
kann, muss man eben die zweitbeste Methode anwenden. STUR schlägt
folgende zweitbeste Methode vor:
Wenn wir von einer fiktiven Zuchtpopulation
ausgehen, können wir damit rechnen, daß bei einer ermittelten
Heritabilität der Hüftgelenksausbildung von ca. 60% , jedes
einzelne HD–freie Tier mit 60% Wahrscheinlichkeit defektgenfrei
ist. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein phänotypisch HD–freies Tier
Defektgene trägt, ist daher 40%. Die Wahrscheinlichkeit, dass bei
einer Paarung zweier HD–freier Tiere beide Paarungspartner
Defektgene tragen ist 40% x 40% das ist 16%. Im ungünstigsten Fall
geben beide Paarungspartner alle ihre Defektgene an die Nachkommen
weiter, im günstigsten Fall werden keine Defektgene an die
Nachkommen weitergegeben. Die Wahrscheinlichkeit , daß ein
HD–freier Nachkomme einer solchen Paarung Defektgene trägt bzw.
die Wahrscheinlichkeit, daß bei einer solchen Paarung nicht
HD–freie Nachkommen auftreten, liegt daher nur mehr bei etwa 8%.
Bei ausschließlicher Zuchtverwendung HD freier
Tiere kann man daher binnen einer Generation die Frequenz der
Defektgene drastisch senken.
Bei weiterer konsequenter Selektion und
Zuchtausschluss aller nicht HD–freien Tiere kann man in 3 bis 4
Generationen die Wahrscheinlichkeit, dass bei Paarung zweier
HD–freier Tiere nicht HD–freie Nachkommen auftreten, auf unter
1% senken.
Dem Erfolg der besten Zuchtmethode – Reduktion
der HD–Wahrscheinlichkeit auf Null innerhalb einer Generation –
steht somit der Erfolg der zweitbesten Methode – Reduktion der
HD–Wahrscheinlichkeit auf unter 1% innerhalb von 3 – 4
Generationen - gegenüber.
Nun beschreibt STUR auch noch die sogenannte
„drittbeste Methode". Hier werden Tiere mit leichter oder
mittlerer HD verwendet unter der Auflage, sie nur mit HD–freien
Tieren zu paaren. Die Wahrscheinlichkeit, dass der HD–freie
Paarungspartner Defektgene trägt, ist wieder mit 40% anzunehmen.
Die Wahrscheinlichkeit, dass bei Paarung eines HD–freien Tieres
mit einem nicht HD–freien Tier beide Paarungspartner Defektgene
tragen ist daher 40% x 100% das ergibt 40%. Im ungünstigsten Fall
gibt der HD–freie Elternteil alle seine Defektgene an die
Nachkommen weiter, im günstigsten Fall gibt er keine Defektgene
weiter. Der nicht HD–freie Elternteil gibt in jedem Fall zumindest
die Anzahl an Defektgenen weiter, die in homozygoter Form für die
Ausprägung der HD bei ihm verantwortlich sind. Statistisch gesehen
ist daher die Wahrscheinlichkeit, dass bei der Paarung HD–freier
Tiere mit Tieren , die nicht HD–frei sind, HD–behaftete
Nachkommen geboren werden, etwa 20%.
Die Wahrscheinlichkeit, daß phänotypisch HD –
freie Nachkommen Defektgene tragen, ist allerdings nicht 20%,
sondern 100%.
Dies liegt daran, da jeder einzelne Nachkomme von
seinem nicht HD – freien Elternteil zumindest jenen Anteil an
Defektgenen geerbt hat, der bei diesem in homozygoter Form den
Schwellenwert zur phänotypischen Manifestation überschritten hat.
Tatsächlich wird daher im Rahmen dieser
„drittbesten Methode" die Häufigkeit der HD –
verursachenden Defektgene in vielen Fällen nicht reduziert, sonder
sogar erhöht. Die Folge ist ein Anstieg der HD – Häufigkeit in
der Population.
Nicht immer haben die Zuchtverbände frei Wahl
zwischen den drei genannten Möglichkeiten. In allen Fällen, in
denen HD eine so große Verbreitung hat, das weniger HD–freie
Hunde zur Verfügung stehen als mindestens zur Zucht verwendet
werden müssen, um die Population zu erhalten, werden die
„beste" und die „zweitbeste" Methode gar nicht zur
Diskussion stehen.
Basierend auf der Schwellenwertgrundlage bedeutet
auch das Vorliegen einer Übergangsform oder leichten HD daß das
betreffende Tier Defektgene in einem Ausmaß trägt, das sowohl
quantitativ als auch qualitativ über dem genetischen Schwellenwert
liegt. Die Aufschlüsselung der nicht HD–freien Tiere in B, C, D,
etc. mag für die klinische Prognostik bzw. für statistische
Erhebungen von Bedeutung sein; für eine effektive züchterische
Bekämpfung der HD genügt eine klare Unterscheidung zwischen
HD–freien Tieren und nicht HD–freien Tieren.
Halten wir uns eines nochmals ganz klar vor
Augen:
Von der populationsgenetischen Seite gesehen ist
jedes Tier, das nicht klar und eindeutig HD–frei ist, als Träger
von Defektgenen anzusehen.
Dies darf ein verantwortungsvoller Züchter nie
vergessen und muß dies bei seinen züchterischen Überlegungen mit
einplanen.
Nun darf man mit Recht antworten, bei den
Malinois ist die „HD–Welt" doch noch in Ordnung. Dies
stimmt. Der Malinois ist mit weitem Abstand die Gebrauchshunderasse
in Deutschland, mit den geringsten Problemen im Bereich HD. Nur,
dies soll so auch bleiben. Vergessen wir nicht: Die
Leistungsselektion, wie schon angeführt, durch Ring – Prüfungen
wie in Frankreich oder Belgien, die das Skelett und die Muskulatur
belasten, gibt es bei uns in Deutschland nicht. Dazu ist die SchH Prüfung
nicht geeignet. Diesen Vorteil haben wir schon teilweise verloren,
auch wenn er durch gelegentlichen Zuchteinsatz von franz. oder
belgischen Rüden noch genutzt wird. Wir züchten auch nicht
ausschließlich mit HD–freien Hunden, Hunde mit B Hüften sind
noch zur Zucht zugelassen. B Hüfte heißt: Übergangsform (verdächtig
für HD). Mit dieser Regelung liegen wir in Deutschland auch noch
ganz weit an der Spitze. Die meisten Rassen lassen „leichte
HD" noch zu Zucht zu, was todsicher nicht zur Verbesserung der
HD Situation beiträgt. Es ist auch ganz klar, das in der momentan
sehr günstigen HD Situation des Malinois es durchaus zu vertreten
ist, dass Hunde mit B Hüften noch zur Zucht eingesetzt werden dürfen,
doch sollte sich dies nur auf solche Hunde beschränken, die
ansonsten in Bezug auf ihre Gebrauchshundeeigenschaften weit über
dem Durchschnitt liegen und deren Zuchteinsatz eine Verbesserung
dieser Eigenschaften erwarten lässt. Diese Entscheidung muss z. Zt.
noch jeder Züchter für sich treffen. Ich möchte nur davor warnen,
alle diese Überlegungen außer Acht zu lassen und sich nur auf die
momentane blendende HD Situation berufen. Es ist nun mal nur eine
„Momentaufnahme". Bei den ersten deutlichen Anzeichen einer
Verschlechterung der HD Situation ist sofortiges Handeln des DMC
gefordert, mit den nötigen, manchmal schmerzlichen Schritten. Denn
auch wir benutzen zur Zeit nicht die „zweit beste" Methode
konsequent, von der „besten" wollen wir erst gar nicht reden.
Außerdem, und diese Anzeichen sehe ich Gott sei Dank nicht, sollen
die Züchter auch weiterhin darauf achten, das die Größe und das
Gewicht des Malinois auch in dem Standart entsprechenden Rahmen
bleibt. Große, schwere, plumpe und stark gewinkelte Malinois haben
in der Zucht nichts zu suchen. Sie verschlechtern die
Gebrauchshundeeigenschaften der Rasse sowie die HD Situation.
Des weiteren stellt sich auch beim Malinois das
Problem, dass nur ein gewisser Anteil der Population geröntgt wird
und dadurch die populationsgenetischen Daten unvollständig sind d.
h. nur in verschleierter Form vorliegen. Es ist von elementarem
Interesse jeder Gebrauchshunderasse, dass möglichst viele, besser
alle, Tiere einer Population HD geröntgt werden. Um dies zu
erreichen müsste der Besitzer eines Malinois motiviert werden,
seinen Hund einer HD Untersuchung zu unterziehen. Hier sollte sich
der DMC vielleicht etwas einfallen lassen, etwa in Form , dass der Züchter
z. B. 200.- DM für jede Welpen an das Zuchtbuchamt abführen muss und der Besitzer des Hundes diese 200.- DM nach Einsendung des HD
Befundes überwiesen bekommt. Der Züchter wird sich diese 200.- DM
natürlich über einen höheren Welpenpreis wiederholen und der
Besitzer erhält quasi sein eigenes Geld zurück. Aber der Effekt wäre
sicherlich, dass eine höhere Anzahl von Tieren der HD Untersuchung
vorgestellt würden und dies kann für die Rasse nur positiv sein.
Volker Riedel
LR + Körmeister DMC
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