SchH 3 = Zuchtkriterium = Gebrauchshund?

Eine etwas provokativ gestellte Aussage oder Frage, die es aber sicher verdient hat, einmal eingehend beleuchtet zu werden.

Ich rede hier nur von dem Geschehen, welches die wirklichen Gebrauchshunde betrifft. Diejenigen, die sich „Gebrauchshundzüchter“ schimpfen und schöne, wesensschwache, bedauernswerte Kreaturen schaffen und ausschließlich das nächste „Schauergebnis“ vor Augen haben, lasse ich außen vor, da sich hier sowie so jede Diskussion erübrigt.

Wie sieht es denn nun in der Gemeinschaft der Züchter aus, die doch aus ihrer Verantwortung zur Rasse hin, noch an dem echten Gebrauchshund  interessiert sind?

Häufig, meiner Meinung nach leider zu häufig, wird auf die Abrichtkennzeichen SchH 1 – 3 geachtet, wie oft sie wiederholt wurden, wie viele Siegerprüfungen und Meisterschaften die in die Auswahl genommen Zuchtpartner absolviert haben und, absolut verständlich und richtig, aus welchen Blutlinien diese Hunde kommen.

Nun sollte man aber einmal genauer betrachten, was für einen Aussagewert eine bestandene SchH 3 Prüfung überhaupt hat.

Fangen wir in der Abt. A an: Der Hund muss eine, ich nenne es mal „steril“ gelegte Fährte absuchen, die, (ausschließlich mit 90 Grad Winkeln versehen, die Lage der Gegenstände sowie ihr Material ist genau vorgegeben, Schrittlänge ebenfalls) in ihrer Form nahezu identisch sind, sprich um eine Handvoll Möglichkeiten variiert. Hier fand eine Schematisierung statt, die es dem guten Ausbilder gestattet, auch einen nicht übermäßig begabten Hund, mit hohem Ergebnis über diese Spur zu bekommen. Die oft von Sachkenntnis ungetrübte Richtweise der Bewerter, die verlangen, das der Hund die Nase in den Dreck bohrt, das der Fang geschlossen sein muss , das der Hund auch exakt auf der „Ideallinie“ bleibt und ähnliches, tun dann noch das Ihrige dazu, um die genetische Veranlagung des Hundes in Bezug auf die Nasenarbeit überhaupt nicht mehr  zu erkennen, da die Ausbildung sich an solchen Forderungen orientiert. Was bleibt einem auch übrig, wenn man seinen Sport auch einigermaßen erfolgreich betreiben will. Und hier fällt auch das Schlüsselwort: Sport! Die Anforderungen an die Fährte wurden schematisiert, standardisiert, damit eine gleichmäßige, sportliche Bewertung überhaupt möglich ist, gleich an welchem Ort und zu welchem Zeitpunkt. Die Möglichkeit zur objektiven Vergleichbarkeit wurde in den Mittelpunkt gestellt, nicht das Abfragen von Gebrauchshundeigenschaften.

Die Anforderungen in Abt. B unerstreichen noch den sportlichen Charakter dieser SchH Prüfung:

Eine vorgegebene Anzahl von Übungen, in immer gleichbleibender Reihenfolge, in den Übungen immer identisch, nie variierend, Wie im Eiskunstlaufen die Pflicht, nur, dort gibt es halt noch die Kür und die fehlt nun einmal im SchH Programm.

An wichtige Dinge wie z. B. Intelligenz werden keine Anforderungen gestellt, auch der blödeste Hund begreift nach 150 Wiederholungen, was ich von ihm will und da die Übungen und auch die Übungsreihenfolge immer gleich ist, kennen viele Hunde oft nur den „Ablauf“. Ich meine damit, der Hund orientiert sich an der Reihenfolge der Übungen und erst dann eventuell an den Kommandos. Gehen Sie doch mit ihrem Hund einmal aus dem Schema raus, werfen Sie die Übungen durcheinander. Sie werden sich freuen. Das ausführen von Kommandos unter verschiedenen, nicht gleichbleibenden Bedingungen und in unterschiedlicher Reihenfolgen bleibt den Hunden erspart.

Der Grund ist der Gleiche, den ich schon oben angeführt habe: Hier wurde versucht eine Vergleichbarkeit zu schaffen mit dem Zweck einer Bewertung im sportlichen Wettkampf.

Abt. C: Standardisierte Übungen in immer gleicher Reihenfolge, möglichst immer gleiches Helferverhalten. Der Helfer soll möglichst den letzten Hund genau wie den ersten arbeiten, nicht durch differenziertes Verhalten, die unterschiedlichen Schwächen eines Hundes offen legen und der Sache auf den Grund gehen. Genaue Schrittzahlen werden vorgegeben, die Anzahl der Stockschläge und wann diese zu setzen sind, Dauer der Pausen zwischen den Kampfhandlungen ebenfalls, sowie Blickrichtung des Helfers beim Einstellen derselben.

Auch die Armhaltung wird vorgeschrieben, da der heute gängige Schutzarm eine Keilform hat und bei dem Anbiss in den richtigen Winkel gedreht werden muss etc. p.p.

Ja bitte, glauben Sie etwa nicht: Ein knapp durchschnittlich veranlagter Hund, mit einem guten Führer und einem guten Umfeld, sprich Helfern, macht ca. 300 Schutzdienste oder mehr bis er zu einer Meisterschaft oder Siegerprüfung kommt, er weiß dann mittlerweile, das der Schutzarm, ganz gleich was vorher passiert, im letzten Moment immer wieder an der selben Stelle erscheint und ihm angeboten wird, er weiß, 2 Stockschläge, dann ist es vorbei, er weiß, der Helfer kann schreien, er weiß aber auch, im letzten Moment kann ich immer, (ich wiederhole: immer!) zufassen. Der Helfer wird nie ausweichen oder den Anbiss ernsthaft abwehren wollen, er kann in Ruhe zufassen und den Griff stabilisieren, dann erst kommen die beiden Stockschläge. Auch das ihm beim „Verdrängen“ nichts weiter passiert wird der knapp durchschnittlich veranlagte Hund bei entsprechendem Umfeld nach ca. 300 Schutzdiensten realisiert haben.

So etwas nennt man Konditionierung. Und nicht mehr als das ist es. Nichts geschieht außer der Reihe und wehe doch, quel malheur! Alles war schon hundert mal da gewesen und nie steht der Hund vor einer Aufgabe, die er nicht über Erfahrung und Konditionierung abwickeln kann. Der genetische Pool wird nicht abgefragt.

Warum soll dann dieser, vorher beschriebene, knapp durchschnittlich veranlagte Hund kein „vorzüglich“ oder „sehr gut“ als Bewertung erhalten? Das kann dann aber wohl nur noch an Ausbildungsfehlern liegen oder das er Ungehorsam zeigte.

Worauf ich hinaus will:

Es ist logisch, das bei der Erstellung der PO darauf hin gearbeitet wurde, sie so standardisiert und vergleichbar zu machen, wie nur eben möglich, um einer großen Sportbewegung die reelle Chance eines Vergleichs oder Wettkampfs zu geben.

Das was es aber schon. Die SchH PO ist ein Sportprogramm das Fähigkeiten an den Ausbilder stellt und wie er mit seinem Hund kommuniziert. Die Anforderungen an den genetischen Pool des Hundes sind stark eingeschränkt, am meisten wird noch die Arbeitsbereitschaft und die Belastbarkeit durch den Führer überprüft.

Dies reicht aber nicht, um als Zuchtkriterium her zuhalten.

Auf einer AZG-Sitzung, als gerade die neue PO erarbeitet wurde und fertiggestellt war, äußerte ich mich dahin gehend, das wir doch ein gutes Sportregelwerk erstellt haben.

Darauf wurde ich von einem Mitglied Kommission gerügt: „Herr Riedel, Sie wollen doch nicht behaupten, das die SchH PO „nur“ eine Sportprüfung ist.“

Doch, genau das will ich behaupten! Eine gute Prüfungsordnung für den sportlichen Vergleich, aber halt auch nur das.

Viele wichtige Gebrauchshundeigenschaften werden einfach nicht abgefragt und aus diesem Grund ist die SchH PO auch als Zuchtkriterium hinfällig und ungeeignet.

Zuchtkriterien und damit Gebrauchshundeigenschaften können nur auf einer vernünftigen Körung, ohne jeden sportlichen Charakter, und mit wechselnden (d. h. mit nicht standardisierten) unterschiedlichen Situationen, überprüft werden.

Je weniger in so einer Körordnung festgelegt ist und vorgeschrieben, je besser ist es für den Gebrauchshund. Die Vielfalt der Möglichkeiten der Überprüfung ist hier der Schlüssel und auch die Ernsthaftigkeit und Bereitschaft, wirklich zu selektieren. Viele leistungsorientierte Züchter von Gebrauchshundrassen haben versucht, auf Grund einer relativ durchlässigen Körung, ihre Siegerprüfung als das Zuchtkriterium zu betrachten und haben damit ihr Waterloo erlebt. Diese Rassen sind zum Teil an den Rand der Gebrauchshundfähigkeit, ja man kann es so nennen, verkommen.

Deshalb: Das SchH Programm hat im Hundewesen sicher seine Berechtigung und ist auch als sinnvoll anzusehen. Es gibt auf Grund seiner doch nicht so elitären Struktur einer breiten Masse an Hundebesitzern die Möglichkeit, sich engagiert und intensiv mit ihrem Hund zu betätigen. Es erfordert auch keine übermäßigen Qualität an Hundematerial, so das eine Beschränkung aus dieser Hinsicht eher als gering zu erachten ist. Man sollte es aber als das sehen was es ist: ein sportlicher Wettkampf und nie, aber auch nie ein Beweis für einen guten Gebrauchshund. Dies sollte der erfolgreiche SchH Hund an anderer Stelle beweisen müssen.

Volker Riedel


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